Abraxas Informatik hat sein Portfolio im Bereich Application Services überarbeitet und erweitert. Der Schweizer IT-Dienstleister, der fast ausschließlich öffentliche Verwaltungen und Behörden bedient, reagiert damit auf den wachsenden Druck auf Kantone und Gemeinden, Teile ihrer IT-Infrastruktur extern zu betreiben. Das aktualisierte Angebot adressiert vor allem Verwaltungen, die vor der Frage stehen: Eigenregie oder Outsourcing?

Was umfasst das Application-Services-Portfolio?

Abraxas bietet im Kern drei Leistungsebenen an: Application Management (Betrieb und Wartung von Fachanwendungen), Application Support (Anwenderbetreuung, Incident- und Change-Management) sowie die eigentliche Entwicklung und Modernisierung bestehender Anwendungen. Das Portfolio richtet sich gezielt an Behörden, die keine eigenen Kapazitäten für den Betrieb spezialisierter Fachverfahren aufbauen wollen oder können.

Konkret übernimmt Abraxas den Betrieb von Steuer-, Einwohner-, Sozialhilfe- und Finanzapplikationen. Der Dienstleister betreibt Rechenzentren in der Schweiz und verspricht durchgehende Verfügbarkeit, Security-Updates sowie die Einhaltung der schweizerischen Datenschutzanforderungen. Das ist besonders für kleinere Gemeinden relevant, die weder personell noch finanziell in der Lage sind, eigene IT-Teams für komplexe Fachanwendungen vorzuhalten.

Marktposition: Abraxas im Schweizer Public-Sector-Ökosystem

Abraxas gehört zu den größten IT-Dienstleistern für den öffentlichen Sektor in der Schweiz. Das Unternehmen ist in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Graubünden, Jura, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, St. Gallen, Wallis und Zürich aktiv. Damit bedient Abraxas mehr als die Hälfte der 26 Kantone – ein Quasi-Monopol in Teilmärkten.

Der wichtigste Wettbewerber ist Swisscom Public Sector, das ebenfalls Application Services für Verwaltungen anbietet, jedoch stärker im Bereich Cloud-Infrastruktur und Netzwerk positioniert ist. Während Swisscom auf hybride Lösungen und Connectivity setzt, fokussiert Abraxas auf den Betrieb standardisierter Fachverfahren. Diese Arbeitsteilung ist historisch gewachsen: Abraxas entstand aus kantonalen Rechenzentren und bringt tiefes Domänenwissen in Verwaltungsprozessen mit.

Treiber für IT-Outsourcing in der Schweizer Verwaltung

Der Druck auf Kantone und Gemeinden, IT auszulagern, hat drei zentrale Ursachen. Erstens: Fachkräftemangel. Kleine Kommunen finden kaum noch qualifizierte IT-Administratoren, die gleichzeitig Steuersoftware, Einwohnerwesen und Finanzbuchhaltung betreuen können. Zweitens: Kosten. Der Betrieb eigener Rechenzentren lohnt sich ab einer bestimmten Größenordnung nicht mehr. Drittens: Regulatorische Anforderungen. Cybersicherheit, Interoperabilität und Datenschutz-Compliance erfordern spezialisiertes Know-how.

Das Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben – kurz E-Government-Gesetz – verpflichtet Kantone und Gemeinden, bis 2026 zentrale Verwaltungsleistungen digital anzubieten. Das erhöht den Druck auf die IT-Konsolidierung. Abraxas profitiert von dieser gesetzlichen Vorgabe, da viele Verwaltungen nicht die Ressourcen haben, um die geforderten Services in Eigenregie zu digitalisieren.

Einordnung im Kontext von OZG-CH und DVS

Das Schweizer Pendant zum deutschen Onlinezugangsgesetz ist im Programm "Digitale Verwaltung Schweiz" (DVS) verankert. Die DVS-Strategie sieht vor, dass Bund, Kantone und Gemeinden gemeinsam digitale Verwaltungsleistungen entwickeln und betreiben. Abraxas spielt in diesem Ökosystem eine doppelte Rolle: Als Betreiber von Fachanwendungen und als Integrator, der kantonale Systeme mit nationalen Plattformen verbindet. Mehr Details dazu bietet unser Themenportal OZG-CH.

Kritisch zu sehen ist die entstehende Abhängigkeit. Wenn mehr als die Hälfte der Kantone ihre Kernprozesse über einen Dienstleister abwickelt, entsteht ein Single Point of Failure. Ein Ausfall der Abraxas-Infrastruktur würde weite Teile der Schweizer Verwaltung lahmlegen. Diese Abhängigkeit ist nicht neu – ähnliche Konzentrationsrisiken bestehen in Deutschland mit Dataport AöR oder der AKDB.

Technologische Grundlagen und Integrationstiefe

Abraxas betreibt keine eigene Cloud-Plattform im engeren Sinn, sondern klassische Rechenzentren mit virtualisierten Umgebungen. Die Anwendungen laufen auf dedizierten oder mandantenfähigen Systemen. Die Sicherheitsarchitektur orientiert sich an ISO 27001 und den Vorgaben des Nationalen Zentrums für Cybersicherheit (NCSC). Backup, Desaster Recovery und Patch-Management sind Teil des Service-Levels.

Interessant ist die Integrationsstrategie. Abraxas verbindet kantonale Fachanwendungen mit dem nationalen eID-System (SwissID) und der zentralen Plattform für digitale Behördenleistungen (ePortal). Diese Schnittstellen sind entscheidend für die Umsetzung des Portalverbunds – ein Konzept, das auch in Deutschland und Österreich diskutiert wird.

Vergleich mit deutschen und österreichischen Ansätzen

Im Vergleich zu deutschen IT-Dienstleistern fällt auf, dass Abraxas stärker auf den Betrieb von Legacy-Anwendungen setzt. Während in Deutschland Anbieter wie Materna oder msg systems auf Cloud-native Architekturen und Low-Code-Plattformen setzen, bleibt Abraxas bei klassischen, monolithischen Fachverfahren. Das hat Vor- und Nachteile: Stabilität und bewährte Prozesse auf der einen Seite, weniger Flexibilität und höhere Modernisierungskosten auf der anderen.

In Österreich übernimmt das BRZ Bundesrechenzentrum eine ähnliche Rolle. Auch dort werden zentrale Fachverfahren für Bund und Länder betrieben. Der Unterschied: Das BRZ ist eine Bundesanstalt, also staatlich. Abraxas ist eine privatrechtliche Aktiengesellschaft, die allerdings mehrheitlich den Kantonen gehört. Diese Konstruktion soll digitale Souveränität sichern – ein Thema, das angesichts von Cloud-Abhängigkeiten und US-Hyperscalern an Bedeutung gewinnt.

Ausblick: Konsolidierung und Standardisierung

Der Ausbau des Application-Services-Portfolios ist Teil einer breiteren Konsolidierungsstrategie. Abraxas hat in den vergangenen Jahren mehrere kantonale Rechenzentren übernommen und baut sein Angebot kontinuierlich aus. Parallel dazu investiert das Unternehmen in Security Services – ein weiteres Wachstumsfeld (siehe auch Abraxas baut Security-Services aus).

Langfristig dürfte sich die Frage stellen, ob ein privatwirtschaftlicher Betreiber die gesamte IT-Infrastruktur einer Vielzahl von Kantonen steuern sollte. Die Debatte um digitale Souveränität und Verwaltungscloud ist auch in der Schweiz angekommen. Ob Abraxas langfristig in eine öffentlich-rechtliche Struktur überführt wird oder ob neue Wettbewerber den Markt aufbrechen, bleibt offen. Sicher ist: Die Verwaltungsdigitalisierung in der Schweiz wird weiter von wenigen zentralen Akteuren getrieben – mit allen Chancen und Risiken, die das mit sich bringt.

Quellen