Die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) tritt mit ihrer Cloud-Tochter STACKIT und dem Berliner Start-up Codesphere gemeinsam im Public-Sector-Markt auf. Das Duo vermarktet sich als deutscher „Sovereign Stack" – eine europäische Cloud-Infrastruktur ohne Zugriffsmöglichkeiten durch US-Behörden gemäß dem US-CLOUD-Act. Schwarz Digits, die IT-Tochter der Schwarz-Gruppe, positioniert das Angebot gezielt für Behörden und öffentliche Auftraggeber, die rechtlich sensible Daten verarbeiten.

STACKIT liefert die physische Cloud-Infrastruktur in deutschen Rechenzentren. Codesphere steuert darauf als Multi-Cloud-Laufzeitumgebung die Orchestrierung portabler Workloads bei. Das Start-up verspricht, dass Anwendungen ohne Vendor-Lock-in zwischen verschiedenen Cloud-Umgebungen verschoben werden können. Damit adressiert das Duo zwei zentrale Beschaffungskriterien öffentlicher Auftraggeber: Digitale Souveränität durch europäische Datenhoheit und technische Flexibilität durch Multi-Cloud-Fähigkeit.

Der Markteintritt erfolgt zu einem strategischen Zeitpunkt. Behörden stehen unter Druck, ihre IT-Infrastruktur im Zuge der OZG 2.0-Umsetzung zu modernisieren. Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber amerikanischen Cloud-Anbietern. Der US-CLOUD-Act verpflichtet US-Unternehmen, auf Anordnung amerikanischer Behörden Zugriff auf Daten zu gewähren – auch wenn diese in Europa gespeichert sind. Konkurrierende Anbieter wie AWS Public Sector und Microsoft Public Sector betonen zwar regionale Datenhaltung, können aber die rechtliche Zugriffsmöglichkeit nicht ausschließen.

Offen bleibt, wie STACKIT und Codesphere ihre technische Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Während etablierte Hyperscaler auf ausgereifte Services, breite Zertifizierungen und langjährige Betriebserfahrung verweisen, muss das neue Duo erst zeigen, ob es mit den Cloud-Plattformen der Konkurrenz mithalten kann. Kritiker bezweifeln, dass souveräne Cloud-Infrastrukturen bei Performance, Skalierbarkeit und Ökosystem-Vielfalt mit AWS oder Azure konkurrieren können. Befürworter sehen in STACKIT hingegen einen ernstzunehmenden Akteur, der durch die Handelslogistik-IT der Schwarz-Gruppe bereits komplexe Systeme im Großmaßstab betreibt.

Für den Public Sector bedeutet das Angebot eine zusätzliche Beschaffungsoption. Verwaltungen, die auf Verwaltungscloud-Lösungen umsteigen, können nun zwischen amerikanischen Hyperscalern, europäischen Anbietern wie STACKIT und staatlich betriebenen Strukturen wie der souveränen Cloud von SAP und Arvato Systems wählen. Ob sich STACKIT und Codesphere durchsetzen, entscheidet sich an drei Faktoren: Preis, technische Reife und die Fähigkeit, etablierte Ökosysteme öffentlicher IT-Dienstleister wie Dataport oder AKDB zu integrieren.

Die Ankündigung markiert einen Wendepunkt in der deutschen Cloud-Debatte. Erstmals fordert ein privatwirtschaftlicher Anbieter mit Retail-Hintergrund die US-Hyperscaler im Behördenmarkt heraus – nicht durch überlegene Technik, sondern durch ein politisches Argument: Datensouveränität als Verkaufskriterium. Ob Verwaltungen das Angebot annehmen, wird 2026 messbar sein, wenn erste OZG-2.0-Projekte in die Betriebsphase gehen.

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