Österreichs Public Sector steht bei der Einführung von KI-gestützten Verwaltungsprozessen vor einer charakteristischen Herausforderung: Die technische Infrastruktur liegt konzentriert beim BRZ Bundesrechenzentrum, während eine übergreifende Strategie für den Einsatz künstlicher Intelligenz in Behörden bislang fehlt. Das unterscheidet den österreichischen Markt von Deutschland, wo die FITKO zumindest koordinierend agiert.

BRZ als zentraler Infrastruktur-Gatekeeper

Das BRZ Bundesrechenzentrum betreibt die Kernsysteme für Bund, Länder und Gemeinden. Die Organisation kontrolliert damit auch den Zugang zu Datenbeständen, die für das Training und den Betrieb von KI-Modellen erforderlich sind. Anders als in föderalen Strukturen wie Deutschland, wo Dataport AöR oder AKDB regional operieren, gibt es in Österreich keine vergleichbare Wettbewerbssituation unter staatlichen IT-Dienstleistern.

Diese Zentralisierung bietet Vorteile bei der Interoperabilität und der Vermeidung von Insellösungen. Gleichzeitig entsteht eine faktische Abhängigkeit: Wer KI-Systeme für österreichische Behörden entwickeln will, muss in der Praxis mit dem BRZ kooperieren oder dessen Schnittstellen nutzen. Private Anbieter wie msg systems oder Capgemini Public Sector, die in Deutschland eigenständig Projekte umsetzen, finden in Österreich einen strukturell anderen Markt vor.

EU-AI-Act zwingt zu Risikoklassifizierung

Mit Inkrafttreten der EU-Verordnung zu künstlicher Intelligenz (AI Act) im August 2024 müssen österreichische Behörden ihre KI-Anwendungen nach Risikostufen klassifizieren. Besonders betroffen sind Systeme, die biometrische Daten verarbeiten, Entscheidungen mit Rechtswirkung treffen oder kritische Infrastruktur steuern. Die Umsetzung liegt bei den jeweiligen Ressorts, eine zentrale Koordinationsstelle existiert nicht.

Das steht im Kontrast zu Frankreich, wo die Programme France Numérique 2030-Initiative konkrete Budgets und Projektstrukturen für KI im Public Sector definiert. In Österreich fehlt bislang eine vergleichbare Roadmap. Der deutsche Markt zeigt, dass ohne politische Priorisierung Pilotprojekte selten in den Echtbetrieb gelangen.

Digitale Identität als KI-Enabler

Ein strategischer Vorteil Österreichs liegt im Bereich Digitale Identität: Die Bürgerkarte und das Handy-Signatur-System sind etabliert, A-Trust Sicherheitsservice betreibt als zertifizierter Trust Service Provider die Infrastruktur. Diese digitale Identität ist Voraussetzung für automatisierte Verwaltungsprozesse, die auf Verwaltungsautomatisierung durch KI setzen.

Die Verknüpfung von eID und KI-gestützten Diensten bleibt jedoch ausbaufähig. Während Italien mit der PNRR Misura 1.4 gezielt KI-basierte Bürgerservices fördert, fehlen in Österreich entsprechende Förderprogramme. Das BRZ könnte hier als Integrator auftreten, tut dies bislang aber nicht systematisch.

Anbieter-Landschaft: Wenig Bewegung

Im Vergleich zu Deutschland oder der Schweiz ist der österreichische Markt für KI-Lösungen im Public Sector wenig dynamisch. Große Systemintegratoren wie Atos oder T-Systems Public sind primär im deutschen Markt aktiv. Schweizer Anbieter wie Abraxas Informatik, die im Bereich Verwaltungsportale stark sind, haben in Österreich kaum Präsenz.

Eine Ausnahme bildet Materna, die über ihre österreichische Niederlassung Projekte im Bereich Prozessautomatisierung umsetzt. Doch auch hier bleibt die Frage: Wer treibt Innovation, wenn die zentrale Infrastruktur staatlich ist und private Anbieter nur als Auftragnehmer agieren?

Ausblick: Strategie überfällig

Österreichs Public-Sector-Markt für KI braucht eine politische Priorisierung. Ohne ein Äquivalent zur deutschen FITKO-Koordination oder zur französischen Investitionsstrategie bleiben Projekte vereinzelt. Das BRZ könnte diese Rolle übernehmen, müsste dafür aber Ressourcen und Mandate erhalten. Solange dies fehlt, bleibt der Markt hinter dem technisch Möglichen zurück – und hinter den Entwicklungen in Nachbarländern.